Abgeschrieben. Rainer Baginski.

Mail von Rainer Baginski, Februar 2007

Habe Dir zur Abwechslung was aus der Zeitung abgeschrieben, weil manchmal andere Leute etwas einfach besser können als unsereines. Das folgende ist ein Gedicht von Yehuda Amichai, einem Israeli.

Wenn ich sterbe

Wenn ich sterbe, dann möchte ich, dass nur Frauen während der Chevra Kadisha mich berühren.Und mit meinem Körper machen, was ihnen beliebt, meine Ohren säubern von den letzten Worten, die ich vernahm, von meinen Lippen wischen die letzten Worte, die ich sagte, die Ansichten löschen, die ich mit meinen Augen sah, meine sorgenvolle Stirn glätten
und meine Arme über der Brust falten wie die Ärmel eines Hemdes nach dem Bügeln. Mein Fleisch mit duftendem Öl besänftigen, um mich für einen Tag zum König des Todes zu salben und in meinem Beckenrund wie in einer Fruchtschale Hoden und Penis, Nabel und gekräuseltes Haar ordnen
Zu einem prunkvollen Stilleben aus einem vergangenen Jahrhundert,
einem richtig reglosen Leben auf dunklem Samt, und mit einer Feder die Öffnung von Mund und Anus kitzeln, um herauszufinden Regt er sich noch?
Und bald lachen, bald weinen und eine letzte Massage verabreichen,
sodass es von ihren Händen durch mich an die ganze Welt weitergegeben wird bis zum Ende aller Tage. Und eine von ihnen wird singen “Herr, erbarme Dich unser”, mit süßer Stimme singen “Barmherziger Leib”,
um Gott daran zu erinnern, dass Erbarmen aus dem Leib kommt, wirkliches Erbarmen, wirklicher Leib, wirkliche Liebe, wirkliche Anmut. Das ist es, bei meinem Leben, was ich mir im Tod wünsche, im Leben, bei meinem Leben.

Finde ich überwältigend schön und kein bißchen traurig.

Rainer Baginski gestorben

 Am 27. Januar 2009

rainer-marz-07_kleiner1

„Jetzt sage ich Dir noch schnell, was mein allerletztes Krisenmanagement ist, wenn ich denke, es geht gar nicht mehr weiter. Dann höre ich nämlich immer das Deutsche Requiem von Brahms. Das hat mich noch jedesmal wieder stabilisiert, besonders der 3. Satz, ein Bariton-Solo. Man würde sich wünschen,es gäbe eines Tages eine Einspielung mit Thomas Quasthoff, aber vielleicht gibt es die ja schon. Ich denke, seiner Stimme ist irgendwie auf eine ganz reife, still-kluge Weise anzumerken, was für einen schweren Weg dieser Mann gehen mußte, was er wahrscheinlich hat zahlen müssen, um als Mensch unter Menschen bleiben zu dürfen. Also Brahms, Deutsches Requiem, op. 45. Ich habe eine sehr schöne, schon etwas altertümliche Aufnahme mit Wolfgang Sawallisch, den Wiener Symphonikern und dem Wiener Singverein. Deutsche Philips, 438 760-2. Aufgenommen im Februar 1962, da war ich 22 und gerade in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund eingetreten und hatte definitiv beschlossen, Bürgerschreck zu werden. 

Was Dir auch bestimmt auffallen wird: Das Ding heißt nicht umsonst >Deutsches< Requiem. Es ist deutsch. Es ist wie wir. Und wenn ich es höre, dann muß ich an ein paar Stellen regelmäßig heulen, da kann ich nie gegen an. Es denkt sich dann immer in mir: Ja, so ist es, das sind wir. Das sind wir. Das ist das eigentlich Tröstliche, das ungeheuer Tröstliche an dieser Musik. Und ich bin ansonsten nun wirklich kein Brahmsianer. Aber vielleicht ist es auch gar nicht das Deutsche, vielleicht ist es das Preußische, das durch meine Mutter in mich hineingefunden hat, und dem ich beglückt bei manchen Künstlern wieder begegne: Schinkel, Kleist, Beckmann, Johnson, Günter de Bruyn, Peter Huchel, Johannes Bobrowski. Den Johnson liest Du ja gerade, vergiß diesen Gedanken mal nicht bei der Lektüre. Da kommt heute keine Sau mehr drauf, weil das ein Wertesystem ist, das abhanden kam, auch im Gefolge von Herrn Hitler. Es ist eben leider zu wichtigen Teilen diskriminiert, ich fürchte, für immer.“ Rainer Baginski März 2007